Warum radikales Entfernen-und-Ersetzen mehr schadet als nützt

von Michal Petrik Head of Software Development
Macht es wirklich Sinn, Ihr Altsystem zu ersetzen?

Wir alle waren schon an diesem Punkt: Ihr Business wächst, alle Stakeholder sind zufrieden und alles läuft bestens … scheinbar. Aber Sie wissen, dass Ihre Kern-Systeme hinterherhinken. Und all die wichtigen Daten liegen versteckt hinter einem undurchschaubaren Objektmodell. Wichtige Anpassungen müssten „lieber gestern als heute“ umgesetzt werden, brauchen aber ewig. Und die Technische Schuld, die sich angesammelt hat, entwickelt sich nur in eine Richtung. Nun müssen Sie sich ernsthaft mit dem Austausch den kompletten Systems auseinandersetzen. Klingt das vertraut?

Das geht nicht nur Ihnen so: Jeder CEO, CIO, CTO oder CxO da draußen, kommt mehrfach im Laufe der Karriere an diesen kritischen Punkt. Verstehen Sie uns bitte nicht falsch: Manchmal ist der Austausch alter Systeme oder Mainframes die einzig verbleibende Option. Aber es muss gar nicht erst soweit kommen. Denn der Punkt ist, dass viele Märchen darüber erzählt werden, was radikales Entfernen-und-Ersetzen wirklich bedeutet.

Ein Altsystem zu ersetzen, bedeutet weniger Arbeit.

Sinnvolle Veränderung gelingt nicht über Nacht. Wenn Sie ein Produkt „von der Stange“ kaufen, wird es Monate dauern – wenn nicht sogar Jahre – bis es vollständig in Ihr IT-Ökosystem integriert worden ist. Und das kostet Geld. Viel Geld. Denn in dem Prozess werden Sie mit neuen Business-Challenges und Risiken konfrontiert. Und hier reden wir noch nicht einmal von Ihrer gesamten Anwendungslandschaft. Folgende Fragen sollten Sie sich erstmal ehrlich selbst beantworten, bevor Sie aktiv werden:

  • Wird das neue System unsere Business-Anforderungen erfüllen? Wenn ja, perfekt! Aber die Realität ist in vielen Unternehmen eine andere – egal, ob Startup oder Branchenführer. Denn meist fehlt jede Erfahrung und Kompetenz, das neue System zu betreiben. Schließlich müssen Sie alle Prozesse des Daily Business neu aufsetzen und managen. Bei traditionsreichen Unternehmen, klappt das fast nie. Denn ihnen fehlt es schwer, ihre Arbeitsweise – im Umgang mit Kunden und Geschäftsmodellen – radikal anzupassen. Neue Systeme bringen ungewohnte Abläufe mit sich und erfordern ausführliches Mitarbeiter-Training. Sie müssen also Ihr Tagesgeschäft dem neuen System anpassen – und nicht andersherum. Schlimmer noch: Standardlösungen haben in der Regel deutlich mehr Funktionen als Ihr Business tatsächlich braucht. Am Ende verwenden Sie also nicht einmal das gesamte Paket, für das Sie bezahlt haben.
  • Wie integriert sich das neue System in Ihre bestehende Businessmodelle? Sie werden definitiv die passenden Tools parat haben müssen – zumindest ein funktionales ESB oder REST APIs. Ohne haben Sie keine Chance, alles sauber zu integrieren. Zudem muss Ihnen bewusst sein: Wenn Sie das alte System entfernen, wird zeitgleich die Interoperabilität zerstört, auf die Sie bislang vertraut haben. Haben Sie eine brauchbare Ersatzlösung parat, um dies auszugleichen? Wenn Sie sich mit einer dieser Fragen unwohl fühlen, sollten Sie nochmal neu planen.
  • Welchen Effekt wird der Umzug auf Daten-Migration haben? Daten sind das wertvollste Asset, über das Sie verfügen. Wenn Sie ein System ersetzen, müssen auch die Daten in die neue Lösung überführt werden. Wenn das nicht reibungslos abläuft, sinkt die Datenqualität – und wichtiger noch – auch die Komptabilität zwischen alten und neuen Modellen leidet. In der Realität passen diese nur selten zusammen. Die Erfahrung zeigt gnadenlos: Solche Projekte scheitern meist. Anders gesagt: Sie müssen erstmal eine saubere Analyse durchführen, um Ihre Daten von System A zu System B übertragen zu können.

2. Jetzt, wo unser neues System eingebaut ist, können wir sofort zum Daily Business übergehen.

Falsch. Ihr neues System wird noch Monate brauchen, vielleicht sogar Jahre, bis es komplett flüssig läuft. Ganz ehrlich? Selbst, wenn Sie 18 Monate dafür brauchen, wäre das völlig normal. Haben Sie diese Zeit? Bedenken Sie außerdem, dass der Markt sich in der Zwischenzeit weiter verändert. Wird Ihr „neues“ System skalierbar sein für kommende Trend-Tools? Und was ist mit dem nächsten Stapel an Sicherheits-Anforderungen der Regulatoren – dem nächsten DSGVO-Wahnsinn? Um die Sache noch schwieriger zu machen, muss die Transition vom alten zum neuen System simultan ablaufen – perfekt miteinander verzahnt. Wenn nicht? Welche Konsequenzen wird das wohl für Ihre User Experience haben? Werden Sie Probleme mit der Kundenbindung haben? Mit diesen komplexen Fragen müssen Sie sich frühzeitig auseinandersetzen.

3. Wir haben modernisiert – also müssen wir vorerst nicht mehr investieren.

Falsch gedacht. Sie investieren jetzt in eine neue Version. Aber wieviel haben Sie bereits in das alte System gesteckt? Denken wir mal einen Schritt weiter: Stellen Sie sich vor, Sie stecken denselben Betrag auch in das neue System – nur zu Wartungszwecken über die nächsten 3-5 Jahre. Denn, kein Zweifel: Genau das wird passieren. Fakt ist, dass Modernisierung kontinuierlich erfolgt – und so laufende Kosten erzeugt. Wenn Sie sich nur auf das Beheben von Bugs oder hoch-priorisierten Anforderungen konzentrieren statt auf regelmäßige Upgrades, wird Ihr System im Laufe der Zeit mehr und mehr abbauen.

Leider können die Anbieter von Standard-Lösungen nicht in die Zukunft blicken. Aber können Sie Ihre Hausaufgaben machen und herausfinden, ob die Lösung in der Lage sein wird, neue Features einzubinden oder kommende Wünsche zu erfüllen? Und wenn ja, wie schnell und zu welchem Preis? Die Ironie ist, dass diese Fragen von Beginn an Antworten benötigen fürs Custom Development.

Zahlt es sich aus, Ihr altes System zu ersetzen?

Sie lesen diesen Text vermutlich, weil Ihr Legacy-System bereits in einem ziemlich schlechten Zustand ist. Aber der Punkt ist: Wahrscheinlich bietet es immer noch ein hohes Maß an Funktionalität. Trotz aller Probleme erledigt es immer noch seinen Job – als eines Ihrer Kern-Systeme. Denken Sie nur mal an die Features, die Sie im Laufe der Jahre schätzen gelernt haben. Stellen Sie sich vor, all diese Funktionen in einem neuen System neu aufsetzen zu müssen. Zum Beispiel Steuerungen und Navigations-Features, mit denen niemand wirklich vertraut ist. Damit Ihr Team hier mithalten kann, braucht es definitiv Upskill-Schulungen.

Zum Glück gibt es einen Weg, Ihr Altsystem zu erhalten – und es zugleich besser zu machen. Mit anderen Worten: Sie können immer noch die Situation retten. Um das zu tun, müssen Sie verstehen, dass Modernisierung niemals wirklich endet. Wenn Ihre Strategie zur Altsystem-Übernahme auf erprobten Entwicklungsmethoden basiert, ist das schon mal ein guter Anfang.